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Wenn Sport zur Sucht wird

Bergsprinter

Fachärztin für Psychiatrie, Dr. Nicole Kaufmann-Riegler über zwanghaften Bewegungsdrang

Es ist sechs Uhr früh. Der einsame Läufer erklimmt den Berg, dann zur Arbeit und danach noch in die Kraftkammer. Am nächsten Tag – ähnliches Programm trotz Schmerzen in den Muskeln und einem Gefühl der Erschöpfung. Was wie ein straffer Trainingsplan klingt, kann auch etwas anderes sein: Sportsucht. Psychiaterin Dr. Nicole Kaufmann-Riegler, Belegärztin am Sanatorium Kettenbrücke, erklärt, wie man zwanghaftes Sporttreiben erkennt und behandelt.

Sportsucht oft Begleiterkrankung

Besonders bei Patient*innen mit Essstörungen wie Anorexie oder Bulimie tritt Sportsucht gehäuft als Begleiterkrankung auf. Der alleinige Zwang zum Sport ist jedoch für sich genommen keine anerkannte psychische Störung. „Sportsucht ist vergleichbar mit anderen Suchterkrankungen. Laut Statistik leiden etwa 1 bis 3 Prozent der Bevölkerung darunter. Da Sporttreiben an sich etwas Gutes ist, bleibt die Störung jedoch oft lange unerkannt“, erklärt Dr. Kaufmann-Riegler.

Vielfältige Symptome

Zu den wichtigsten Symptomen von Sportsucht zählt die Zwanghaftigkeit der Bewegungsausübung. So wird Sport nicht aus Freude an der Bewegung heraus betrieben, sondern aus dem Gefühl, etwas erledigen zu müssen. Ist es nicht möglich, den Plan umzusetzen, kommt es zu Entzugssymptome. Dazu zählen Depression, Nervosität, Gereiztheit, aber auch Schuldgefühle. Damit verbunden treten mitunter Magen-Darmstörungen und Schlafbeschwerden auf. „Typisch ist auch eine Toleranzentwicklung. Es ist also immer mehr Sport notwendig, um den Zustand des Glücks zu erreichen“, erklärt die Expertin. Neben dem Gefühl des Kontrollverlusts leiden Betroffene auch darunter, dass sie Warnsignale ihres Körpers wie Erschöpfung ignorieren und sogar weiter trainieren, wenn sie verletzt sind. Letztendlich geht der Sport über alles und Sportsüchtige vernachlässigen mitunter auch ihre sozialen Kontakte.

Bewusstsein der Gesellschaft fehlt

„Das Image von Sport ist dermaßen gut, dass Sportsüchtige oft sehr lange die Bewunderung ihres Umfelds bekommen. Das hängt auch damit zusammen, dass sich das Verständnis der körperlichen Betätigung gewandelt hat“, beschreibt Dr. Kaufmann-Riegler die hohe Akzeptanz leistungsbezogenen Sports in der Gesellschaft. Was vor über 100 Jahren als Zerstreuung und Vergnügen begann, ist heute von Prinzip „schneller, höher, weiter“ dominiert. Aus diesem Grund kommen auch kaum Betroffene in die Therapie.

Die Gründe dahinter

Die eigentlichen Ursachen für die Sucht zum Sport bleiben meist im Verborgenen. Betroffene leiden oft unter einem Mangel an Selbstvertrauen, versuchen Misserfolge in anderen Lebensbereichen mit Trainingsbestzeiten zu kompensieren oder weichen durch den exzessiven Sport anderen Problemen aus. „Hier geht es auch um das Phänomen des Davonrennens, das mit dem Erfolgserlebnis der völligen körperlichen Erschöpfung verbunden ist“, erklärt die Psychiaterin.

Tipps für Angehörige und Therapiemöglichkeiten

Sportsucht sollte nicht ignoriert werden, da die laufende körperliche Überforderung neben den sozialen Problemen zu einer Beeinträchtigung des Immunsystems und Abnützungserscheinungen bei Gelenken und Bändern verbunden mit einer erhöhten Verletzungsgefahr führt. Angehörige von Betroffenen sollten versuchen, das Problem offen anzusprechen, auch wenn im ersten Schritt wenig Einsicht zu erwarten ist. Gemeinsam geht es darum, das Sportprogramm wieder auf ein Normalmaß zu bringen. Scheitert dieses Vorhaben, ist professioneller Rat von Psychiater*innen oder Psycholog*innen empfehlenswert. Die Therapie für Sportsüchtige findet allein oder in der Gruppe statt. Je nach Ursache des Suchtverhaltens ist ein verhaltens- oder tiefenpsychologischer Ansatz angesagt. Auf Grund der Involvierung des sozialen Umfelds ist mitunter eine Familientherapie notwendig. Mit der Bewältigung des zugrunde liegenden Problems finden Betroffene wieder zu einem gesunden Umgang mit Bewegung und Sport.

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